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Der 108 Stufen Tempel :: eine Arbeit der koreanischen Künstlerin Jinran Kim

Margit Miosga für rbb Kulturradio :: Sendetermin 01.07.2007

MODERATION

Die trendigste Flaniermeile in Berlin ist die Kastanienallee in Prenzlauer Berg, explizit puristische Modeläden, Restaurants, Friseure, alles bewusst off-off, zieht einheimische junge Leute an, ebenso wie Touristen in allen Altersgruppen. Ein neuer internationaler Ort ist die private Sprachschule, das GLS Sprachenzentrum an der Kastanienallee 82. Seit die alte DDR-Schule vor ein paar Jahren aufgegeben, dann umgebaut wurde, sitzen in den Klassenzimmern jetzt Erwachsene, die Deutsch lernen. In dem großen Komplex gibt es auch ein Boardinghaus, wo die internationalen Sprachenschülerinnen und – schüler wohnen können.

Wer in all dem Gewusel auf der Allee inne halten möchte, durchquert Schule und Schulhof und findet in der letzten Ecke noch einen alten, gemauerten Schuppen.

BEITRAG

Es führt nicht mal ein gepflasterter Weg zur schmalen Türe, geschweige denn ein Wegweiser hilft. Doch wenn man sie gefunden hat und eingetreten ist, vergisst man sofort wie durch einen Zauberwink das aufgeregte Getümmel der Straße. Die koreanische Künstlerin Jinran Kim lädt in ihren persönlichen Meditationsort ein. In dem rohen Raum schwebt über dem grob-erdigen Boden ein zierlicher, hölzerner Tempel, zu dem 108 Stufen hinauf führen. Die 108 hat im Buddhismus eine komplexe Bedeutung: wir Menschen haben 108 Fehler, auf der Gebetsschnur reihen sich 108 Perlen aneinander, am Neujahrstag wird in den Klöstern der Gong 108 mal geschlagen, um das Alte auszulöschen. Jinran Kims Fantasietempel mit 108 Stufen wirkt so echt, dass man unwillkürlich die Stimme senkt:

O-TON: Ich bin nicht so sehr religiös. Natürlich unsere Kultur ist die Hälfte ist Buddhistisch und die Hälfte ist Evangelisch und Katholisch und teilweise Konfuzianismus. Ich bin groß gezogen in beiden Religionen und Kulturen, und wenn ich als Bildhauerin alte Tempel besuche, fühle ich mich total schön, ich bin da um mich zu beruhigen. So wollte ich unbedingt meinen eigenen Tempel machen. Das ist nicht richtig religiös engagiert, sonder ein Kunstwerk.

Jinran Kim studierte in den 90er Jahren an der damals noch Hochschule der Künste in Berlin. Seit ihrem Abschluss pendelt sie zwischen Asien und Deutschland, gerade kommt sie von einem 3-monatigen Stipendium in Tokio zurück:

O-TON: Die letzten Monate habe ich als Künstler oder als Frau ziemlich heftige Zeit gehabt – so habe ich entschieden, einfach Kunst weiter zu machen und mich zu trösten.

Der Tempel ist feinste Schreinerarbeit, raffiniert ausgeleuchtet und so hoch wie ein großer Mann. An der Rückwand des abgewetzten Schuppen ein flächendeckend kaligraphiertes Gedicht:

O-TON: ich wollte Rauminstallation machen, das sieht wie ein altes Papier aus, und da habe ich ein koreanisches Gedicht geschrieben, das ist mein eigenes Gedicht. Und das ist über Liebe, Emotional, Beziehung, zum Beispiel: warum brauchen wir eine bestimmte Disziplin, wenn wir andere Leute lieben – unser Herz ist wie ein Wind, kommt rein und wieder raus – ganz kurz formuliert.

Ein Liebesgedicht im Tempel? Ja, sagt Jinran Kim, natürlich, für die Erfüllung ihrer Liebe beten Menschen, Tempel sind Orte des Wünschens und des Trostes. Dazu passt, dass aus DDR Zeiten noch das Fragment eines Plakates mit einem längst vergessner Schlagersängers klebt. Lieder zum Wünschen und Trösten. Jinran Kim hat ihn da hängen lassen. Der 108 stufige Tempel ist gleichzeitig ein spirituelles und ein avantgardistisches Projekt, eine überraschende Oase zum Innehalten.

Bis zum 7. Juli auf dem GLS Campus Kastanienallee 82, 10435 Berlin

 

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